Domainfactory: Eigene Domain, Webspace, Webhosting, Domainparking, E-Mailadresse mit eigener Top Level Domain.
Sie sind hier: Startseite / Chronik / Laufen an der ...

Laufen an der Leine – wie ein Blinder Marathonläufe bestritt

15.10.2007 09:39:21

von Keyvan Dahesch

DORTMUND (dpa/lnw) Zum sportlichen Walking im Park braucht der Dortmunder Werner Rathert nur einen Stock - und zwar einen weißen. Seit dem 19. Lebensjahr kann der inzwischen 71-Jährige nicht mehr sehen. Seiner Lauf-Leidenschaft tat dies jedoch keinen Abbruch. Vor allen in den 70er und 80er Jahren erzielte er Zeiten, von denen die meisten sehenden Hobby-Marathonläufer nur träumen. So stellte er etwa 1977 mit 2 Stunden 36 Minuten und 15 Sekunden einen Weltrekord für blinde Marathonläufer auf.

Freizeittip: Ein außergewöhnliches Abendessen im Dunkeln bietet das Dinner in the dark im Dunkelrestaurant in Wien

Hat Rathert seine Läufe früher an der Leine eines anderen Läufers oder eines Radfahrers bestritten, braucht er für das stramme Gehen heute nur noch seinen bis zur Brust reichenden Stock. Damit erspürt er quer zum auftretenden Fuß seinen Weg. Auf die Bedeutung dieses wichtigen Hilfsmittels und amtlich anerkannten Schutzzeichens blinder Menschen weist seit 1964 weltweit jährlich am 15. Oktober der "Tag des Weißen Stockes" hin. Dabei werben Regierungen und Selbsthilfeverbände um Rücksicht auf nichtsehende Menschen und berichten über den Stand ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Integration.

Rathert hatte nach seinem Volksschulabschluss Bierbrauer und Gärtner gelernt. Mit 19 erkrankte er am Grünen Star. "Ich musste mein Leben neu ausrichten", erzählt er. In der Blindenschule Soest machte er daher eine weitere Ausbildung zum Telefonisten und Stenotypisten. "In diesem Beruf arbeitete ich von 1957 bis 1960 in der freien Wirtschaft." Danach ging er zur damaligen Bundespost, wurde Beamter und brachte es schließlich bis zum Betriebsinspektor.

In seiner Freizeit entwickelt er sich zum leidenschaftlichen Läufer. "Da ich mich im Behindertensport nicht genug gefordert fühlte, nahm ich sonntags mit einem Freund an Volksläufen über 10 Kilometer teil und schloss mich einem Leichtathletikverein in Dortmund an." Mit Leichtigkeit schafft er die Qualifikation zur Teilnahme an der Deutschen Marathonlauf-Meisterschaft 1972. Im Mai 1977 stellt der damals 41-Jährige die Bestzeit für blinde Marathonläufer auf. Sieben Jahre später mit inzwischen 48 Jahren kann er in Berlin seine persönliche Bestzeit nochmals um rund eine Minute verbessern. "Werner Rathert war so schnell, dass sich für ihn nur ein Radfahrer finden konnte, der ihn führte", hieß es damals in Medienberichten.

Doch die 42,2 Kilometer reichen ihm oft nicht. So absolviert er bereits 1976 im westfälischen Hamm einen 100-Kilometer-Lauf mit der Bestzeit für Nichtsehende von 7 Stunden und 48 Minuten und wurde unter 800 Teilnehmern Gesamtvierter. Bis 1990 nimmt Rathert an insgesamt 36 Läufen über die Marathondistanz teil, etwa in Berlin, Göteborg oder Buffalo/USA. Hinzu kommen etliche 100-, 50-, 25- und 10-Kilometer-Läufe.

Neben seinen Laufaktivitäten lässt Rathert sich zum Trainer ausbilden und erwirbt die für Leichtathletik und Lauf erforderlichen Scheine. Anschließend trainiert er eine Gruppe sehender Frauen. "Das Gruppenmitglied Gabriele Wolf befähigte ich zur Olympiateilnahme 1988 in Seoul", erzählt er stolz. Für seine sportlichen Leistungen erhält er unter anderem 1988 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Neben dem Laufen blieb noch Zeit für künstlerische Neigungen. "Da ich nach der Erblindung das Zeichnen mit Bleistift und die Aquarellmalerei aufgeben musste, lernte ich Banjo, Gitarre und Mundharmonikaspielen." Er musizierte mit Sehenden in mehreren Bands. Noch heute spielt er in einem Trio Mundharmonika. Über einen Gesangverein lernt er auch seine erste Frau kennen. Sie starb 2004. Vor drei Monaten heiratete Rathert erneut.

Ohne Sport geht es freilich nicht. Jeden Tag marschiert Rathert flink auf bekannten Wegen durch zwei Dortmunder Parks. Gymnastik und Radeln auf einem Hometrainer tun ihr Übriges für die Fitness des 71- Jährigen. Auch sonst ist der Pensionär nicht untätig. Geplant sind etwa Reisen nach Bayern zum Ski-Langlauf und im Sommer zum jährlichen Segeln für Menschen mit und ohne Behinderungen nach Bregenz. Im Gepäck stets dabei: der weiße Stock.

MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON: Keyvan Dahesch

Alle Rechte vorbehalten © Keyvan Dahesch/dpa

Links

Die letzten 10 Meldungen aus dem Ressort Chronik

nach oben Zurück
Sie sind hier: Startseite / Chronik / Laufen an der ...
Valid XHTMLValid CSSredaktion@blindnews.eucreated by Goerdes