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Tourismuswirtschaft verschläft aktuellen Zukunftstrend

30.04.2007 16:44:21

(BlindNews/Pressedienst) Barrierefreier Tourismus für Alle verspricht enormes Wachstumspotenzial

Von einer barrierefreien Tourismuskette – von der Buchungsinformation über die Anreise bis zum Aufenthalt – profitieren alle Reisenden, nicht nur behinderte und in ihrer Mobilität eingeschränkte Personen. Experten sind sich längst darüber einig, dass der Barrierefreie Tourismus weltweit einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellt. Das belegen nicht nur Untersuchungen und Studien, sondern auch die Erfahrungen von Praktikern, die bereits mit der Umsetzung barrierefreier Tourismusangebote erfolgreich sind. Die Nachfrage ist wesentlich größer als das Angebot. Ein enormes Kundenpotenzial wartet darauf, genutzt zu werden.

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Die Zahlen, die bei der am 26. April 2007 in Salzburg von der Infoplattform Barrierefreier Tourismus veranstalteten Fachtagung "Barrierefreier Kurzzeit-, Tages- und Städtetourismus" präsentiert wurden, sprechen eine deutliche Sprache. Peter Neumann von der Universität Münster hat 2004 für das deutsche Wirtschaftsministerium eine Studie über die ökonomischen Impulse eines Barrierefreien Tourismus für Alle erstellt, die eindrucksvoll die Bedeutung dieses neuen Trends belegt: Alleine in Deutschland wird aus Reisen von Menschen mit Mobilitäts- oder Aktivitätseinschränkungen derzeit ein jährlicher Nettoumsatz von rund 2,5 Milliarden Euro bei mindestens 65.000 Vollzeitarbeitsplätzen lukriert. Eine Verbesserung des barrierefreien Angebotes im Tourismus würde weitere volkswirtschaftliche Impulse von bis zu 5 Milliarden Euro liefern und rund 90.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

Der wirtschaftliche Nutzen eines Barrierefreien Tourismuskonzeptes wird durch aktuelle demografische Entwicklungen untermauert: Die Bevölkerung nimmt ab, während die Gruppe 60plus stetig wächst: In Österreich wird sich der Anteil der Generation 60plus an der Bevölkerung bis 2050 auf 36 Prozent erhöhen, im Jahr 2005 lag er noch bei 22 Prozent. "Damit steigt auch der Anteil der Menschen mit einer Mobilitäts- oder Aktivitätseinschränkung. Mit der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft wird die Nachfrage nach barrierefreien Produkten und Dienstleistungen sukzessive steigen. Schon jetzt ist Barrierefreiheit für ca. 10 Prozent der Bevölkerung unentbehrlich, für 30 bis 40 Prozent notwendig und für 100 Prozent – also für alle von uns – komfortabel und damit ein Qualitätsmerkmal", erläutert der international anerkannte Experte. "Investitionen in Barrierefreiheit sind Investitionen in die Zukunft. Sie müssen selbstverständlich werden", ist Neumann überzeugt.

Deutlich wurde bei der Fachtagung auch, dass mobilitätsbeeinträchtigte Menschen häufig dieselben Reiseziele anpeilen wie nicht beeinträchtigte. Abhängig vom Grad ihrer Behinderung haben sie ganz unterschiedliche Bedürfnisse, den "Durchschnittstouristen" gibt es in dieser Zielgruppe nicht. "Die Herstellung von Barrierefreiheit kostet Geld und das zahlt der Gast", meint die Behindertenaktivistin Cornelia Götzinger. "Vielleicht sollte man sich in Österreich von den Sozialtarifen für Behinderte verabschieden. Behindert ist nicht immer gleich finanzschwach", stellt sie klar und ist bereit, für adäquate Angebote entsprechende Preise zu bezahlen.

Was sich hingegen niemand wünscht von Seiten der Anbieter und Nutzer touristischer Einrichtungen, ist eine Ghettoisierung behinderter Menschen in speziellen Urlaubsanlagen. Positiv angenommen werden hingegen integrative Angebote. Die Erfahrung zeigt, dass sie von nicht beeinträchtigten Urlaubern genauso gerne genutzt werden wie von Gästen mit speziellen Bedürfnissen.

Konsequenter Qualitätstourismus sollte jeden Menschen in die Lage versetzen, an jeden gewünschten Ort zu verreisen, unabhängig von Alter oder Behinderung. Barrierefreiheit bedeutet Zugänglichkeit und Benutzbarkeit von Gebäuden, Dienstleistungen und Informationen für ALLE, egal ob es sich um RollstuhlfahrerInnen, Eltern mit Kleinkindern, schwangere Frauen oder Personen nicht deutscher Muttersprache handelt, ob es blinde, gehörlose, psychisch beeinträchtigte, chronisch kranke oder alte Menschen sind.

Nach EU-Schätzungen gibt es rund 46 Millionen Menschen mit Behinderungen, von denen etwa 70 Prozent physisch und psychisch in der Lage wären zu verreisen. Aber nur 1,5 Prozent der Gastronomiebetriebe, 6,5 Prozent der Unterkünfte und 11,3 Prozent der Sehenswürdigkeiten im EU-Raum sind zumindest für RollstuhlfahrerInnen zugänglich. Die Hälfte aller behinderter Menschen würde häufiger verreisen, wenn es mehr barrierefreie Angebote für sie gibt und wäre auch bereit, mehr zu bezahlen, wenn die Qualität stimmt. Diese Zielgruppe wünscht sich verstärkt Erholungs- und Gesundheitsurlaube, besonders beliebt sind Kulturreisen. Bei den Kurzurlauben werden vor allem die Städtereisen bevorzugt.

Musterstadt Erfurt

Erfurt, eine der schönsten historischen Städte in Deutschland, gilt als das Vorzeigeprojekt für Barrierefreien Städtetourismus. Carmen Hildebrandt ist seit 1998 Geschäftsführerin der Tourismus Erfurt und hat in Zusammenarbeit mit den lokalen Behindertenverbänden und engagierten Kooperationspartnern aus allen touristischen Bereichen die Servicekette der Stadt optimiert und die Ergebnisse effizient vermarktet. Die notwendigen Investitionen dafür werden von den Unternehmern, wie etwa den Hoteliers, selbst getragen, bei den Verkehrsbetrieben kommen die Eigentümer dafür auf. "Erfurt verzeichnet derzeit sieben Millionen Tagesgäste pro Jahr, 340.000 Übernachtungsgäste in den Hotels und 900.000 private Übernachtungsgäste pro Jahr. 2006 organisierte die Tourismus Erfurt 6.700 Stadtführungen, darunter exklusive Stadtführungen für Gäste mit physischen und psychischen Beeinträchtigungen, die sehr gut angenommen werden", freut sich Carmen Hildebrandt über die Erfolge. Darüber hinaus bündelt der Reiseplaner "Erfurt erlebbar für Alle" auf seiner Wibsite "www.erfurt-tourismus.de">ErfurtTourismus sämtliche Infos, die für Touristen mit speziellen Bedürfnissen relevant sind. Hildebrandt zieht aus ihren langjährigen Erfahrungen folgendes Fazit: "Unser Engagement für Barrierefreien Tourismus bringt zusätzlichen Nutzen, auch für die wichtigste Zielgruppe des Städtetourismus, die Gäste ab 50plus. Für den Erfolg eines solchen Projektes sind jedoch die permanenten und engagierten Anstrengungen einer Koordinierungsstelle in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten unbedingt notwendig. Hier werden wir nicht nachlassen", verspricht sie.

Ein wichtiger Teil der touristischen Servicekette sind u.a. die Transportmittel im Nahverkehr. Die Linz AG Linien haben bereits zahlreiche Projekte für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste umgesetzt. Dazu zählen taktile Leitsysteme ebenso wie der "Cityrunner", eine Straßenbahn in Niederflurtechnik und eine digital-elektronische Sprachausgabe (DISA) für Blinde und Sehbehinderte an den Haltestellen. "Wir haben schon früh die Verbände und Institutionen der Betroffenen in den Planungsprozess miteinbezogen", erläutert Betriebsleiter Albert Waldhör. Eine besondere Herausforderung war die Neugestaltung der historischen Pölstlingbergbahn. Hier musste ein Kompromiss zwischen dem Denkmalschutz einerseits und den Bestimmungen für die barrierefreie Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs andererseits gefunden werden. Die Lösung: Es werden neue Wagen in Niederflurtechnik angekauft, die man überwiegend nutzt. Gleichzeitig bleiben aber auch einige wenige historische Fahrzeuge im Einsatz. Wenn Denkmalschutz und Barrierefreiheit nur schwer zu vereinbaren sind, muss die Barrierefreiheit Priorität haben, sind sich die Fachleute einig.

Großprojekt "Fränkisches Seenland"

Dass Umstrukturierung und Neuplanung eine besondere Chance für die Umsetzung von barrierefreien Angeboten bieten, beweist die deutsche Tourismusregion "Fränkisches Seenland". Hier wurde im Rahmen eines Großprojektes ab 1970 ein ganzer Landstrich umgestaltet: Die vormals ländliche Gegend wurde zur Seenlandschaft. Die Orte der Region mussten einen Landverlust von bis zu 75 Prozent hinnehmen, die Landwirte bieten nun barrierefreien Urlaub auf dem Bauernhof an. Die Kooperationspartner des Großprojektes entschieden sich ganz bewusst für die Entwicklung der barrierefreien Region und setzten erfolgreich auf das Alleinstellungsmerkmal dieses Angebotes. Eine ausreichende Anzahl von Unterkünften wurde geschaffen, Info- und Werbematerial musste ebenso entwickelt werden wie das Bewusstsein der Menschen für die Bedeutung des Barrierefreien Tourismus in der Region selbst. Inzwischen ist das Fränkische Seenland ein Paradies für Familien mit Kindern und für mobilitätseingeschränkte Gäste. "Familien und Barrierefreiheit passen gut zusammen. Unser Ziel war ein integratives Urlaubsangebot im ländlichen Raum", erklärt Ernst Birnmeyer vom Amt für Landwirtschaft und Forsten Weißenburg, Leiter der Beratungsstelle "Mittelfränkisches Seengebiet". Auch hier war die Vernetzung aller Anbieter in Stadt und Land wesentlich für das Funktionieren der touristischen Servicekette. Neben einem barrierefreien Internetauftritt "Seenland Barrierefrei" gibt es auch ein Verzeichnis sämtlicher Unterkünfte, die hinsichtlich Barrierefreiheit speziell gekennzeichnet sind. Mit dem neuen Tourismusangebot wird inzwischen doppelt soviel Umsatz gemacht wie mit der Landwirtschaft.

Fazit der Fachtagung für Barrierefreien Kurzzeit-, Tages- und Städtetourismus: Das Marktpotenzial ist enorm. Den wenigen barrierefreien Angeboten und Dienstleistungen steht EU-weit eine kaum zu sättigende Nachfrage gegenüber. Die demografische Entwicklung der europäischen Bevölkerung unterstützt diesen Trend zusätzlich positiv.

IBFT – Infoplattform Barrierefreier Tourismus in Österreich

Seit 2003 existiert in Österreich die Infoplattform Barrierefreier Tourismus, eine Initiative des ÖHTB (Österreichisches Hilfswerk für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte). IBFT ist eine kostenlose Service- und Informationsstelle für AnbieterInnen und NutzerInnen, deren Vernetzung eines der Ziele der Plattform ist. IBFT sammelt und sichtet Angebote für Barrierefreien Tourismus in Österreich. Die Informationen werden auf der Homepage "IBFT" zur Verfügung gestellt und können nach Regionen selektiert werden. Darüber hinaus sind auf der Website Planungshilfen und Ratgeber sowie Studien, Literatur und Links zur Thematik zu finden. Finanziert wird das Projekt größtenteils vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit.

Auf europäischer Ebene ist IBFT Partner des EU-Projekts "OSSATE" – One Stop Shop for Accessible Tourism in Europe sowie von "ENAT" – European Network for Accessible Tourism.

Alle Rechte vorbehalten © BlindNews

Informationsquelle: Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs

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