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Reportage: Ein Sehender bei der Blindenschachmeisterschaft (Teil 3)

29.06.2007 08:00:19

von Klaus-Jörg Lais

KNÜLLWALD (dsb) Miteinander

Die Kommunikation untereinander ist auch für mich gewöhnungsbedürftig. Die Visualisierung spielt beim Unterhalten eine große Rolle. Zum Teil reden beim gemeinsamen Abendessen drei bis vier Schachfreunde gleichzeitig auf mich ein ohne zu ahnen, dass auch die anderen Aussagen mir gelten. Da das gegenseitige Ansehen beim Ansprechen unmöglich ist, weiß man nicht, wem die Worte gelten. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, dass alle in die gleiche Richtung reden. Aber auch die 1:1-Situation kann kompliziert und komisch zugleich sein. Ein typischer Dialog bei einer unvermittelten Begegnung hört sich etwa so an: "Herbert, weißt Du wie Formel Eins ausgegangen ist", fragt mich Hans-Peter Kuhlmann. "Herbert steht dort hinten am Fenster, aber ich weiß es nicht"., sage ich "Bist Du fertig mit spielen?" "Nein.", sage ich. "Ich sitze hier und tippe meine Berichte" "Ach, Sie sind das. Entschuldigung". Später unterhalte ich mich mit einem anderen Spieler über seine Gewinnchancen. "Chancenlos", sagt er. "da könnte ich genauso gut gleich aufgeben und Formel 1 hören". Formel 1 hören. Das kann man offensichtlich und es dabei spannend finden, denn es gibt einige Motorsportfans hier.

Freizeittip: Ein außergewöhnliches Abendessen im Dunkeln bietet das Dinner in the dark im Dunkelrestaurant in Wien

Die eigentlich theoretisch notwendige Gleichstellung zu den Normalsehenden ist trotzdem graue Theorie. Es gibt so viele Benachteiligungen, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann, erfahre ich in vielen Dialogen. Matthias Steinhart erzählt: "Rein im schachlichen Bereich gibt es unerhört viel, was sich zu verbessern lohnt". Dass es noch immer keine Uhr gibt, die den Anforderungen hier gerecht wird, ist zum Beispiel so eine Sache. Gerade jetzt mit der immer weiter um sich greifenden, neuen Bedenkzeit, bei der pro Zug Zeit addiert wird. Wie soll der Blinde da noch wissen, wie der Uhrenstand ist? Es müsste also Uhren geben, die sozusagen mitteilsam sind. Bei Armbanduhren geht das ja auch. Dabei benötigt man nicht viel mehr als eine Sprachausgabe und eine entsprechende Schnittstelle zur Uhr.

Doch die Produktionskosten sind offensichtlich astronomisch in so kleiner Stückzahl. Einmal habe es ein Angebot eines Holländers zur Herstellung gegeben, doch der wollte damals 20 bis 30.000 Vorschuss. Auch die ganzen Schachzeitschriften, die müsste es doch auf CD geben, beklagt sich Matthias Steinhart. "Wir brauchen nicht viel mehr, als die Möglichkeit, das noch mal in ein Textformat am Rechner umzuwandeln". Lern-DVDs für Blinde? Fehlanzeige. Wie sollte neben den Notationen der Begleittext übermittelt werden? "Müsste machbar sein", entgegne ich. "Müsste.", antwortet Steinhart. Bei Filmen kann man ja auch eine Begleitspur hinzutun. Und wie wird Internetschach verfolgt? – Überhaupt nicht! Das geht nur über die Fritz-Oberfläche, aber ohne Kommentar. Fritz oder generell die Chessbase-Oberfläche ist die einzige Möglichkeit, Notation am Rechner in eine Sprachausgabe umzuwandeln. Aber eben nur die Notation.

Selbstversuch

Als ich mir die Stoffserviette als Augenbinde umlege, empfinde ich das gleiche Unwohlsein, wie zu Anfang am ersten Abend bei der Begrüßung. Die Figuren habe ich vorsorglich noch sehend aufgestellt. Mein Getränk weit weg von mir und mein Spielpartner Matthias Steinhart verspricht mir, die Zeit anzusagen, denn er wird sie von der Uhr ertasten. 30 Minuten Bedenkzeit für jeden. Während ich mich völlig hilflos ausschließlich auf die Figuren vor mir und das Spiel konzentriere, tastet Matthias während des Spiels die Uhr, unterhält sich mit dem Nachbarn, gibt mir den Zeitverhältnisse durch und genießt seinen Drink.

Zu Anfang spüre ich noch die kleinen Nägel auf den Köpfen der schwarzen Figuren, das Zentrum ist leer, ich kann die erhobenen schwarzen Felder deutlich von den weißen unterscheiden. Die Eröffnung verläuft dank einem angenehmen Verlauf problemlos. Ungewohnt ist, die Figuren des anderen mit von Platz zu Platz zu stecken. Außerdem muss ich mit dem linken Zeigefinger das Steckloch des Feldes ertasten, damit ich die Figur da einigermaßen sicher mit rechts versenke. Ich habe während des Turniers Spieler gesehen, die das einhändig zielsicher auf Anhieb schaffen. Bis ins Mittelspiel geht’s noch locker. Doch stellen sich zwei interessante Phänomene ein.

Zum einen folge ich den Gesprächen am eigenen Tisch und an denen rundum, anstatt die Konzentration weiter auf dem Brett zu halten. Mit jedem Zug fällt mir das Spielen schwerer. Zum anderen fange ich an, das Ertasten zu ignorieren und mehr meiner Vorstellung zu folgen, also ohne Hilfsmittel blind zu spielen. Ich achte längst nicht mehr auf Figuren mit oder ohne Nägel, ich merke mir einfach alle Figuren und wie die Felder besetzt sind. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass mich meine untrainierte Vorstellungsgabe irgendwann verlässt und so zwinge ich mich, an den Figuren festzuhalten.

"Bestimmt ist mehr für mich drin", denke ich, doch jeder weitere Zug lässt trotz Figurentausch meine Aufmerksamkeit schwinden. Dass das für Anfänger normal sei, erzählt man mir erst hinterher. Fast alle haben hier Endspielschwächen. Womöglich, weil die Räume zwischen den Figuren immer größer werden. Und für einen Ungeübten wie mich, sei das schon mal sehr gut. Trotzdem. Meine Kräfte schwinden. Es wird mit zunehmender Zeit immer anstrengender und ich kann schon bald keinen auch nur halbwegs klaren Gedanken zu fassen und dann: Schachlicher Blindflug. Planlos. Ich bin erleichtert, als Matthias mir Remis anbietet, dieses bis dato noch etwa gleiche Endspiel hätte ich glatt vergeigt. Ich bin fix und fertig.

Als ich die Augenbinde abnehme, brauche ich gute zwei Minuten, mich wieder an das Saallicht zu gewöhnen. Später, als wir analysieren, sitzt Andreas Ilic neben mir. Wie sich herausstellt, hat Andreas das Spiel hörend verfolgt, ohne (woher auch?) vom Selbstversuch zu wissen. Jetzt aber, wo ich wieder sehe und Matthias weiter tastend analysiert, stellt sich erst die ganze Routine des kiebitzenden Blindspielers heraus. Andreas legt eine komplette Analyse des Spiels hin und überrascht mich mit unzähligen Varianten, von denen die meisten weitaus interessanter sind, als das, was ich gerade zum Ende hin so vor mich hingepatzt hatte.

Blind sehen

Anton Lindenmair ist einer, der ziemlich viel fürs Blindenschach tut. Er informiert seine Kollegen regelmäßig über Nachrichten aus der Schachwelt, speziell natürlich aus dem Blindenschach. Faktisch mein Pendant. Auch die Webseite des DBSB ist nun unter seiner Regie. Dazu braucht er aber kein Sehvermögen. Mit Programmiersprachen beschäftigt er sich schon ziemlich lange. Er erstellt die Seiten direkt in Programmcode, schreibt sich die kleinen Helferlein, die den Text formatieren und in html umwandeln, selbst. Mit Herbert Lang hat er einen Assistenten, der auch Nachrichten verteilt. Über Google News holt sich Lindenmair viele Anregungen und sucht nach Schachnachrichten, auch den Mediaservice des DSB hat er schon genutzt. Aber woher weiß er, was da steht? Auch das ahnt man: Dumme Frage. Denn es gibt einen Screenreader, der die kompletten Seiten samt Inhalten und Dialogboxen auswertet und dann vorliest.

"Ist die Sprachausgabe denn verständlich?" "Früher war es mal ‚ne Folter", wirft Vorsitzender Ludwig Beutelhoff ein, "aber inzwischen gewöhnt man sich dran". Einen Bildschirmausschnitt kann man übrigens auch in Sechs-Punkte-Blindenschrift transformieren, das geht mit einer Art Pad, auf dem sich Stäbchen nach oben schieben, und dann kann man das abtasten. Eine Software, die mit dem Pad mitgeliefert wird, sorgt nach der Installation für die abtastbare Ausgabe. Die Sprachausgabe erzählt, wohin bestimmte Elemente, wie pgn-Dateien, geladen oder gespeichert werden. Und genau wie wir Sehende markiert man den Bildschirminhalt und speichert über die Zwischenablage in eine Datei. Nichts leichter als das, lacht Toni.

Es gibt übrigens noch mehr Mitteilungsmöglichkeiten, als die regelmäßigen E-mails und die Internetseiten der Lindenmairs und Langs. Eckhard Kröger ist Redakteur des Punktschrifthefts, dass in regelmäßigen Intervallen erscheint. Hier wird quasi mühsam in Brailleschrift getippt und verteilt. Dann ist da noch der Schachexpress. Ein Hörmagazin, dass etwa monatlich erscheint und über Schachereignisse informiert und in dem die Nachrichten verlesen werden. Diese Reportage hier erscheint übrigens auch dort – ich werde sie selbst sprechen.

Bis neulich

Dienstag, am dritten Turniertag, muss ich leider aufbrechen. Ich habe hier mehr über Blinde und das Schach miteinander gelernt, als je zuvor. Ich habe hochinteressante, intelligente und sympathische Menschen kennen gelernt, von denen man eine Menge lernen kann. Die mit ihrem Handicap auf sehr natürliche und ungezwungene Weise umgehen und die meisten von ihnen sind durchweg fröhliche Zeitgenossen. Ich betone das, weil ich im gewöhnlichen Schachleben immer und immer wieder auf einen sehr großen Anteil an Mitgliedern treffe, die nie mehr lernen werden, dass wir nur miteinander spielen. Die weder verlieren, noch gewinnen können. Die nur schwarz-weiß denken und ebenso sehen.

"Dann möchte ich mich mal verabschieden, Herr Lais", sagt mir Peter Stauber, der die Meisterschaft leider nicht mitspielen kann. Wir tauschen ein paar nette Dinge aus und plaudern über die Meisterschaften, das Wetter, den DSB. "Na denn" sagt er, "ich muss nun los".
"Ja", sage ich.
"Wir sehen uns".

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