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Reportage: Ein Sehender bei der Blindenschachmeisterschaft (Teil 2)

29.06.2007 08:00:20

von Klaus-Jörg Lais

KNÜLLWALD (dsb) Ganz nah dran

Volkmar Lücke gehört zur Sehbehindertengruppe. Das bedeutet, er hat noch ein eher rudimentäres Restsehvermögen. "Wenn es doch hier wenigstens heller wäre!" schimpfte er beim Frühstück morgens, als er unter den Wurstscheiben nach der Butter forschte. Sollte das ein Witz sein? So ein Blindenwitz, den man sich nur erlauben kann, wenn man selbst blind ist? Aber ich bin es, der sich hilflos vorkommt, als ich ihm beim Butterforschungsversuch zusehe und das Messer links, vor, rechts, dirigiere. Er macht sich da jedenfalls nichts draus.

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Später im Spielsaal ist es hell. Dafür hat er selbst gesorgt. Denn zu seiner Ausrüstung gehört neben dem Blindenschachbrett und dem riesigen Notationsformular, auf dem gerade mal 30 Züge stehen, eine Lampenkonstruktion, die gleißend helles Licht aufs Brett wirft. So kann er etwas sehen und seine konzentrierte Denkhaltung am Brett sieht jetzt kein bisschen anders aus, als die von all den vielen Schachspielerbildern, die wir kennen.

Die Blistas, pardon Mini-Pichts, gibt es in einer Menge Ausführungen. Johann Pollinger hat deutlich das älteste Modell. In dieser Version sieht das Teil ein bisschen so aus, wie eine antike Miniaturschreibmaschine. Andere Modelle haben Streifen-Notationen. Mit jedem Klickadiklackadiklick kommt ein bisschen mehr Streifen mit Punkten drauf da raus. Ich betrachte die Punkte - und erkenne gar nichts. Was für eine Ignoranz gegenüber Sehbehinderten. Das ist deren einzige Schrift und Du erkennst nicht mal ein A, denke ich.

Aber Reinhard Niehaus, der – ebenfalls restsehend - eigentlich am Nachbartisch spielt. Er fasst im Vorbeigehen den Streifen an, prüft, was zuletzt gezogen wurde. Dann beugt er sich ganz nah zum Brett, um zu kiebitzen. Er ist so nah über den Figuren, dass ich Angst habe, jemand könne vorbeikommen und ihn unabsichtlich anstoßen. Jede einzelne Figur scheint er zu prüfen. Nach gut einer Minute angestrengtem Makroblick ist die Situation wohl geklärt. Er wandert weiter und prüft das nächste Brett auf gleiche Weise. Komisch sieht das aus für uns Sehende. Später erzählt mir Pollinger, dass er deswegen eigentlich selten vom Platz aufsteht, denn kaum ist man raus aus dem Saal oder geht auch nur ein paar Schritte, sitzt schon der nächste Blinde auf dem Platz und beugt sich elend lang zu Brett und Mini-Picht herunter: Um zu kiebitzen.

Tastvermögen

Es gibt noch weitere Notationsmöglichkeiten. Manche Restsehende haben diese riesigen Blätter vor sich liegen, sie benutzen große Lupen und schreiben in riesigen Buchstaben. Bischoff benutzt so was wie ein Diktaphon, spricht seine Notationen auf. Hans Jagdhuber hat ein Plastikbrett, das mich – Verzeihung - an Kinder-Spielzeug erinnert. Ein gelbes Stück Plastik voller kleiner Kästchen, in die er mit einem blauen Plastikstift selbst die Punkte setzt.

Alle spielen auf Blindenschachbrettern. Die gibt es aber in vielen Ausführungen. Die meisten von ihnen haben unterschiedlich hoch gelegene Felder, um Schwarz und Weiß besser zu unterscheiden. Die schwarzen Figuren tragen einen kleinen Nagel obenauf. "Berührt – geführt", fällt mir ein, wenn die Finger die Figuren abtasten – und das gibt es tatsächlich! Wenn eine Figur aus dem Steckloch genommen wurde, gilt sie als berührt und wenn sie woanders wieder eingesteckt wurde, als dorthin geführt. Eine Korrektur ist dann nicht mehr erlaubt, klärt mich Elisabeth Fries auf. Sie hat bei weitem den schönsten Figurensatz. Natürlich passiere das trotzdem ab und an, Kontrolle ist da schwer. Viel mehr passiere jedoch bei sehend-nichtsehenden Vergleichen. Das geht dann vom fehlenden Nichtansagen der Züge über das Gegendrücken der Uhr, obwohl der Sehende selbst am Zug ist, bis hin zum Analysieren per Figurenrücken. Wo der Geist schwach ist, ist oft der Betrug willig.

Aber zumindest das mit dem Uhren-Gegendrücken geschieht sicher unabsichtlich. Man führt ja als Sehender ebenfalls den Zug des anderen aus und obwohl inzwischen die eigene Zeit läuft, die der Blinde in Gang gesetzt hat, drückt man reflexartig zurück. Elisabeth ist die einzige Frau unter den Teilnehmern dieser Meisterschaft. Der Frauenanteil ist im DBSB noch niedriger, als im Deutschen Schachbund. Gerade aktive Teilnehmerinnen gibt es nur ganz wenige.

Was Sie schon immer über Blindenschach wissen wollten...

Frank Schellmann ist fertig mit Spielen. Er tappst durch den Raum, langsam, sich nach allen Seiten hin vergewissernd, dass da kein Hindernis auftaucht. Auch er sieht noch. Etwas. Ein komischer Vergleich kommt mir in den Sinn: Sind sehbehinderte Schachspieler den Blinden gegenüber grundsätzlich im Vorteil? Scheint mir kritisch, die Frage. Wissen will ich es trotzdem. Ich hake nach. Ja, diese Diskussion gäbe es sicher grundsätzlich, aber sie wird deswegen doch nicht dauernd geführt! Was sollte das auch nützen? Wie kann man nur so dämliche Fragen stellen, ärgere ich mich über mich selbst.

Niehaus sagt: Emil Fünf. Ins Leere. Denn es sitzt niemand gegenüber. Jürgen Pohlers, der unentwegt auf Wanderschaft ist, sitzt mal wieder gar nicht am Brett. Natürlich sagt man den Zug dann trotzdem. Aber es hat erneut etwas Komisches. Denn der Gegenübersitzende wiederholt ihn gewöhnlich.

Die Meisterschaften werden mit 2 Stunden für 40 Züge plus eine halbe Stunde für den Rest gespielt. Eine übliche Zeit für das Turnierschach also. Was aber passiert eigentlich in Zeitnot? Beide Spieler müssen doch dann wissen, wie viel Zeit übrig ist. Manchmal, erzählt Lang, wird dann laut gefragt: "Wie viel Zeit habe ich noch" und ein Betreuer, falls gerade zur Stelle, darf das dann schon mal sagen. "Aber nicht dreimal nacheinander", ergänzt Lang, "das wird mir dann auch zuviel und ich ermahne". Und dann müssen auch die Finger von der Uhr wegbleiben, in der Hektik könnte etwas verschoben werden oder das Blättchen fallen.

Ich stelle mir vor, wie stressig das sein muss, wenn plötzlich Zeitnot an mehreren Brettern ist. Frank Schellmann erzählt mir von echten Zeitnotschlachten. Da fällt auch schon mal ne Uhr um oder das Getränk ergießt sich über Tisch und Stuhl. Und am zweiten Turniertag erlebe ich es selbst, ausgerechnet bei Frank. Er ist mit wenigen Minuten auf der Uhr so nervös geworden, dass er seinen Zug ausführt und dann nicht mit links die Uhr drückt, sondern mit rechts neben den Tisch ins Leere hämmert. Erstaunlicherweise ist das Zeitgefühl unter den Kandidaten hier gar nicht so ausgeprägt, wie man vermuten sollte. Es gibt oft horrende Fehler, wenn die Konzentration nachlässt. Nun, bei uns auch, möchte man entgegnen. Zeitnot hat hier aber seltener die psychologische Bedeutung, wie im sehenden Schach. Es kommt auch seltener dazu.

Fair-Play

"In der Regel gibt es keinen Stress untereinander", sagt Lang. Aber bei Duellen mit Sehenden kommt das häufiger vor. Wie sonst ist zu erklären, dass beispielsweise Volkmar Lücke erzählt, sein mit Meisterehren ausgestattetes, sehendes Gegenüber sagte die Züge in Zeitnot nicht mehr an? "Was wurde gezogen?", musste er ständig fragen. Bei jedem einzelnen Zug. Prompt verlor Lücke damals, obwohl er viel besser stand. Auch der mehrfache deutsche Meister Dieter Bischoff weiß so eine Geschichte zu erzählen.

"Ich hatte mich gleich gewundert, dass jemand wie GM Oleg Romanischin einen Assistenten haben wollte im Spiel gegen mich. Er, als sehender Großmeister mit gut 300 Wertungs-Punkten mehr, verlangt gegen mich, den Blinden, eine Assistenz. Von mir aus, dachte ich. Aber der Schiedsrichter als Assistent reagierte in Zeitnot völlig falsch."

Während der Großmeister sehen konnte, was Bischoff auf seinem Brett bewegte, noch bevor er die Figur zum Zielsteckpunkt führte und den Zug sagte und dann die Uhr drückte, musste Bischoff warten, bis die Antwort kam. Und das ging dann so: Der GM führte blitzartig seinen Zug aus und hämmerte auf die Uhr. Während des Blinden Zeit schon längst wieder lief, informierte der Assistent Bischoff über den Zug, dann erst konnte Dieter die Figur umstecken und danach erst neu kalkulieren. Das kostete für jeden Zug in hoher Zeitnot so viele Sekunden, dass er eine klare Remisstellung noch weggab. "Also wenn schon Assistenz", beschwert sich Bischoff, "dann doch bitte jemand, der Ahnung von den Spielregeln hat." Ein anderes Mal schlug ihm ein Schiedsrichter beim Versuch, die Uhr zu drücken, auf die Hand. Da ist er dann einfach aufgestanden und gegangen, denn "schlagen lassen, das wollte ich mich beim Schachspielen nicht".

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