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Reportage: Ein Sehender bei der Blindenschachmeisterschaft (Teil 1)

29.06.2007 08:00:22

von Klaus-Jörg Lais

KNÜLLWALD (dsb) Deutsche Blindenschach- und Sehbehindertenschach- Einzelmeisterschaften in Knüllwald vom 27.5. bis 5.6.

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Hallo erst mal...

Man stolpert ziemlich unbeholfen da rein. "Guten Abend meine Herrschaften, Klaus-Jörg Lais hier vom Deutschen Schachbund" höre ich mich wie von Ferne selber sagen und komme mir dabei ziemlich blöd vor. Wieso sage ich Herrschaften? Meine Damen und Herren wäre besser gewesen, es sind nämlich viele Damen am Tisch. "Hier ist der Hanswurst von der Deutschen Post" hätte nicht blöder klingen können, wenn man so vor der Runde steht. Und plötzlich verstummt jedes Gespräch, denn man hat mich ja nicht kommen sehen. Ich bin zu Gast bei der Deutschen Einzel-Meisterschaft des Blinden- und Sehbehinderten- Schachbund in ganz eigenem Interesse, denn ich hatte mich darauf mit viel Neugier schon lange vorher gefreut. Wie spielen Blinde untereinander Schach? Welche Möglichkeiten, welche Stärken und Schwächen gibt es? Wie ist der Umgang miteinander?

"Ich mache für den DSB die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" schiebe ich nach und fühle mich gleich noch mal viel hilfloser und das klingt ja wohl völlig bescheuert, denke ich. Wie jetzt all die Leute hier begrüßen? Rundherum laufen und die Hand zum Gruß ausstrecken wird nicht reichen und wohl auch irre lang dauern. Kann man sich etwas unter meinem Namen vorstellen? Ist man vorbereitet? Wer sieht mich denn überhaupt? Wer sieht mich nur als Schatten oder Umriss? Also klopfe ich laut auf den Tisch zur Begrüßung und sage "Zur Begrüßung klopfe ich mal laut auf den Tisch". Geht schon viel besser und alle lachen zurück.

Ludwig Beutelhoff empfängt mich herzlich und wir kommen gleich ins Gespräch. Morgen soll sie starten, die deutsche Einzelmeisterschaft. Hier sitzt gut und gerne die Hälfte der Teilnehmer gesellig beieinander. Das ist ungewohnt in den Turnieren, bei denen ich sonst bin.

Den DBSB drücken große Nachwuchssorgen. Es gibt kaum noch spezielle Blindenschulen, unter deren Schüler sich viele potenzielle Mitglieder finden ließen. Aber selbst in der bekanntesten Blindenschule Marburg, gibt es zur Zeit leider keine Schachgruppe.

Ich habe tausend Fragen, aber versuche, das erst mal zu verbergen. Welche Voraussetzungen sind wichtig – wer spielt? "Die Sehbehinderung darf nicht weniger als 10% betragen, das ist der internationale Standard. Früher waren es 5%," erfahre ich. Blinde und Sehbehinderte spielen auch andere Bedenkzeiten als bei der Deutschen Meisterschaft, allerdings nichts unter 30 Minuten. Ich erfahre auch etwas über Stichkämpfe: Im Pokalwettbewerb zum Beispiel, entscheidet bei Beteiligung des DBSB bei Remis oder Unentschieden nach Berliner Wertung immer das Los. Schnellschach oder Blitz gibt es dann nicht.

In diesem Jahr wird die Einzelmeisterschaft übrigens erstmals in einem offenen Modus ausgetragen bei Schweizer System. Sonst gab es früher immer die Vorqualifikationen und man spielte schließlich in elf Runden bei zwölf Teilnehmern vollrundig.

Mal sehen

Anderntags begrüßt der sehende Turnierleiter Herbert Lang die Teilnehmer. "Zu mir, zu mir", ruft Anton Lindenmair zu Beginn des ersten Spieltags durch den Raum, als ihm gewahr wird, das sein heutiger Gegner Fred Schulz gerade den Raum betritt. Zu den vielen merkwürdig umständlichen Dingen, die man hier beobachtet, gehört das ständige gegenseitige Beschreiben der örtlichen Lage. Manfred Müller als Organisator der diesjährigen Meisterschaft, beschreibt den Turniersaal und die Umgebung ("So, liebe Freunde. Zur Situation hier...") zuallererst: Wo sind die Toiletten? Wie groß ist der Raum? Wie sind die Tische angeordnet? Wo ist die Tür nach draußen? Wo dürfen die Raucher hin?

Wahrscheinlich kennt jeder von uns einen Blinden. Wir haben uns auch schon Gedanken gemacht, wie das wohl sein könnte. Aber verbringen Sie nur mal eine Stunde mit einer Gruppe blinder Menschen: Die besonderen Umstände brechen auf Sie herein, als ob Sie gerade erfahren, dass die Schwerkraft im Weltall außer Kraft gesetzt ist. Nichts. Nichts ist selbstverständlich.

Mit Blinden auch nur drei Tage zusammen zu sein, erfordert einiges an Aufmerksamkeit. Sie mögen sich für ein Gewohnheitstier halten, aber Blinde sind mehr als das. Sie sind echte Dinosaurier der Gewohnheit. Wenn Ihre ganze Welt dadurch bestimmt wird, dass Sie unfähig sind, die augenscheinlichsten Sachen wahrzunehmen, dann möchten Sie ganz genau wissen, wo sich ihre Sachen befinden. Sie möchten auf dem gleichen Stuhl sitzen, den gleichen Nachbarn haben, denselben Aufzug nehmen und ihr Glas genau dort vorfinden, wo Sie es zuletzt abgestellt haben. Eines der schlimmsten Dinge, die man einem blinden Menschen antun kann, ist ihre unmittelbare Umgebung zu verändern. Ich meine das nicht im bösartigen Sinne, das würde niemand tun. Aber stellen wir uns vor, Sie wollten bloß ein bisschen behilflich sein und die in Ihrem Auge auffallende Unordnung beseitigen: Sie heben den Blinden-Stock auf, der anscheinend unter den Tisch gefallen ist. Sie gießen hilfsbereit das Getränk im Glas nach und stellen es nahe heran, damit der gute Mensch es direkt vor sich hat. Sie schließen die Tür, weil es zieht und rücken den Stuhl neben ihm an den Tisch, damit sich der gute Mensch dort abstützen kann beim Aufstehen. Was passiert aber nun tatsächlich?

Der Blinde wird zunächst beim Aufstehen nach dem Stuhl nebenan mit Verve ins Leere greifen. Wenn er dann nicht gefallen ist, wird er sich womöglich am Tisch festhalten, wo das von Ihnen frisch gefüllte Glas steht. Sollte er auch diese Hürde genommen haben, ohne alles zu verschütten, wird er sich erfolglos nach unten bücken, um den Stock zu suchen, den er genau dort ja abgelegt hat. Aber vielleicht sind Sie noch schnell genug bei ihm, bevor er das Gleichgewicht verliert und haben auch das wieder repariert. Nun vergessen Sie bitte nicht, auch die Tür noch mal zu öffnen, denn sonst läuft der gute Mensch da einfach dagegen. Es gibt für Blinde einfach eine völlig andere Definition der Ordnung. Und die sieht nun mal so aus, dass man weiß, was man wo vorfindet. Aber wie das wiederum für uns aussieht, spielt in dieser Ordnung keine Rolle.

Achtung, Tiefflug!

"Springer Anton 2" ruft Gert Schulz durch den Raum. Reinhard Niehaus, der an der anderen Seite des Spielraums sitzt, scheint zu entgegnen: "Kurze Rochade". "Kurze Rochade" wiederholt Jürgen Pohlers, bevor Johann Pollinger "Springer Emil Vier" ausruft. Also daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Gerade in der Anfangsphase wird der Raum durchflutet von Zugansagen und wie ein Echo wiederholt der Gegenübersitzende den Zug, damit keine Missverständnisse entstehen. Das muss per Regel auch so sein. Ich stelle mir vor, wie das auf einen Nichtschachspieler wirkt. Und dann fliegen diese Satzfetzen wie UFOs durch den Raum. Oder wie codierte Formeln einst durch die Leitungen der Geheimdienste. Springer Dora Sieben. Achtung. Pollenflug! Läufer schlägt Cäsar Drei! Vorsicht. Infektionsgefahr. Dame schlägt Berta Vier. Arme Berta.

Die Finger des vollständig blinden Dieter Bischoff tasten sich auf dem Blindenschachbrett vor. "Läufer schlägt Friedrich Fünf" sagt er. Das hat er gut gesehen, denke ich.

Kann man das konzentrationstechnisch überhaupt durchstehen? Bei uns im sehenden Schach ist es doch totenstill. Da ist jedes Stuhlknarzen, jede ruckartige Bewegung störend. Die Zugansagen seien aber absolut unproblematisch, so werde ich aufgeklärt. Bloß jedes andere, vorher nicht erwartete Geräusch oder Unterhaltungen sind störend. Zugansagen werden ausgefiltert, sozusagen. Ich würde hier jedenfalls keinen klaren Gedanken fassen. Immer wieder ruft jemand, immer wieder rattert die Blista, wie ich sie nenne. Denn das steht da auf jedem Gerät drauf. Blista. Das ist dieses seltsame Sieben-Tasten-Gerät, mit dem notiert wird.

Reine Nervensache

Dame Emil Sechs, das klingt klackadiklickadiklack. Ich will es nicht überstrapazieren, aber mir scheint, die haben hier Nerven wie Stahlseile. Später erfahre ich, dass Blista für Blindenstudienanstalt steht und diese technisch erbärmlich einfachen Geräte mehrere hundert Euro kosten. Eigentlich heißt das Ding ja "Mini-Picht". Picht, wegen eines österreichischen Blindenlehrers aus dem 19. Jahrhundert, der diese Art Schreibmaschine für die 6-Punkt-Blindenschrift erfunden hat.

Die Schachuhren zu drücken ist auch für Blinde leicht, aber was gibt die Uhr eigentlich aus? Nach einer guten Weile fällt auf, dass die Uhren nicht nur obenauf in Braille beschriftet sind, sondern auch gar keine Gläser wie die normalen Uhren haben. Hinzu kommt für jede Stunde eine Brailleziffer und so kann man anhand des Tastvermögens die verbrauchte Bedenkzeit erfahren. "Probieren Sie’s mal" fordert mich Herbert Lang auf. Ich schließe die Augen. Meine Wurstfinger verschieben schon beim ersten Versuch den Minutenzeiger. Das Fallblättchen. Groß, Rot, metallisch, in V-Form. Der Turnierleiter klärt mich auf: Links wird gefühlt, wie weit sich das Blättchen vom Fallen entfernt befindet. Aha. Ich teste noch mal. Für mich ist es schon eine anständige Erfahrung, die V-Form zu tasten.

Herbert Lang kam "wie die Jungfrau zum Kinde", wie er selber sagt, zum Blindenschachbund. Der damalige Vorsitzende des DBSB fragte im Kreis Heidelberg nach einem Helfer für die Turniere. Darauf hat er sich gemeldet und seit 1976 begleitet Lang nun schon den DBSB. Lang gehört sozusagen zum Inventar. "Schreiben Sie: Mädchen für alles", lacht er scherzhaft. Und das stimmt wohl auch. Er sitzt von Anfang bis Ende der Spielzeit mit dabei, kümmert sich um Ergebnisse und Auslosung, gibt Hilfestellungen im organisatorischen Bereich, zeigt wo die Spiele sitzen sollen, beschreibt die Umgebung, notiert in Zeitnot mit, hilft, wo er kann.

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