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"Berufsbehinderter wollte ich eigentlich nie sein"

22.10.2007 08:03:56

BREMEN (ddp-nrd) Hans-Joachim Steinbrück macht sich Notizen. Nicht mit Zettel und Stift, sondern mit einem Diktiergerät. Der 51-Jährige wirkt ruhig und gelassen, spricht mit wohl überlegter Betonung. Auf seinem Tisch liegt der Grundriss eines Gebäudes. "Der Fahrstuhl scheint groß genug zu sein", spricht Steinbrück in sein Aufnahmegerät. Er ist blind. Ein Schicksal, das er mit rund 150 000 Deutschen teilt. Auf ihre Probleme im täglichen Leben will am Montag der Internationale Tag des Weißen Stocks aufmerksam machen.

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Als Behindertenbeauftragter des Landes Bremen setzt sich Steinbrück für die Integration benachteiligter Menschen ein. "Berufsbehinderter wollte ich eigentlich nie sein", sagt Steinbrück - und ist es doch geworden. Er ist der erste Behindertenbeauftragte des Landes Bremen überhaupt. "Das Amt gibt es erst seit 2005", sagt Steinbrück. Er setzt sich dafür ein, dass Gebäude Rollstuhlrampen, automatische Türöffner und breite Türen haben. Steinbrück trifft sich deshalb regelmäßig mit Jürgen Kathmann vom Bauamt des Bremer Senats. Diesmal geht es um die Räume eines Zollamts in Bremerhaven. Damit Steinbrück den Bauplan "lesen" kann, ist seine Assistentin mitgekommen. Nadine Wendelken beschreibt ihm die Größe, die Anordnung der Räume, die Breite der Türen. Nach der Sitzung zeichnet die Bürokauffrau den Grundriss des Hauses so nach, dass Steinbrück die Linien ertasten kann. Am PC in seinem Büro in der Bremischen Bürgerschaft ist Steinbrück autark: Eine Sprachausgabe liest ihm Textdokumente vor. Zudem gibt ein Gerät am Rechner den Text in Blindenschrift an.

Stark sehbehindert war Steinbrück schon seit seiner Geburt, er litt an Grünem Star. Als Zwölfjähriger kam er auf ein Marburger Spezial-Internat, wo manche Mitschüler schon gänzlich erblindet waren. Überrascht stellte er fest, dass diese Jungen "gar nicht Trübsal blasend in der Ecke saßen, sondern dass sie Fußball spielten und sich prügelten". Mit 13 begannt er, sich in Blindenverbänden zu engagieren. Steinbrück war 15 Jahre alt, als er vollständig erblindete - als Folge einer falschen Therapie. Nach seinem Abitur schrieb er sich in Bremen für ein Jurastudium ein, wo er seine ebenfalls blinde Frau kennenlernte. Nach der Promotion war Steinbrück 15 Jahre Richter am Arbeitsgericht, bis ihm ein Bekannter sein heutiges Amt nahe legte. Er könne nicht "wie Herkules alles allein bewältigen", sagt der Jurist. Steinbrück versteht sich als "Netzwerker und Katalysator". So berät er Behinderte bei Problemen mit Behörden. Wann hat jemand Anspruch auf einen Behindertenparkplatz? Wie kann er vom Heim in die eigene Wohnung ziehen? Als politischer Vertreter der Behinderten des Landes Bremen engagaiert sich Steinbrück für Gleichberechtigung in vielen Lebensbereichen. Bei der Zugänglichkeit von Hotels und Gaststätten gebe es noch einiges zu tun, sagt Steinbrück. Im öffentlichen Nahverkehr sei Bremen aber vorbildlich. Bei seinen Fahrten mit der Straßenbahn zum Büro kann er sich mit seinem Stock an speziellen Bodenplatten mit Rillen zur Haltestelle tasten. Trotz vieler Veränderungen - Vorurteile bleiben, wie Steinbrück weiß. Als er sich zum Beispiel für einen Italienischkurs anmelden wollte, blockte man ihn erstmal ab: "Kurse für Blinde haben wir nicht." Der Kursleiter einer italienischen Sprachschule war dagegen sofort zum Unterricht bereit.

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